Als wir letzte Woche erfuhren, dass über unsere Kartenretter-Initiative ein Beitrag in den 19-Uhr-Nachrichten des ZDF ausgestrahlt werden würde, war unsere erste Reaktion vor allem: Überraschung. Wer unsere Arbeit kennt, weiß, dass wir normalerweise eher im Hintergrund tätig sind. Die meiste Zeit verbringen wir nicht vor Kameras, sondern mit Projektpartnern, Übersetzungen, Audioinhalten, technischen Lösungen und der Frage, wie wir Menschen erreichen können, die oft nur sehr eingeschränkten Zugang zu Informationen haben.
Umso ungewöhnlicher war es, plötzlich Teil einer Nachrichtensendung zu sein, die von Millionen Menschen gesehen wird. Doch je länger wir darüber nachgedacht haben, desto klarer wurde uns: Vielleicht ist genau diese Sichtbarkeit wichtiger, als man vermuten würde.
Gute Ideen brauchen nicht nur Wirkung, sondern auch Reichweite
In der Welt sozialer Innovationen wird viel über Wirkung gesprochen. Zu Recht. Schließlich geht es nicht darum, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erzeugen, sondern echte Probleme zu lösen. Doch eine Herausforderung wird dabei oft übersehen: Selbst die beste Idee kann nur dann Wirkung entfalten, wenn Menschen überhaupt von ihr erfahren.
Viele soziale Projekte scheitern nicht daran, dass sie schlecht sind. Sie scheitern daran, dass sie unsichtbar bleiben. Gerade kleinere Organisationen wie wir (zur Erinnerung: hinter Audiopedia stecken immer noch nur eineinhalb Hauptamtliche!) stehen häufig vor der Aufgabe, mit begrenzten Ressourcen nicht nur ihre eigentliche Arbeit zu leisten, sondern gleichzeitig auch Unterstützerinnen und Unterstützer, Partnerorganisationen, Unternehmen und Förderer zu erreichen.
Eine Zeit, in der Sichtbarkeit wichtiger wird
Hinzu kommt noch: Die Rahmenbedingungen für viele gemeinnützige Organisationen haben sich in den vergangenen Jahren verändert. In zahlreichen Ländern (auch hier bei uns in Deutschland) werden Budgets für Entwicklungszusammenarbeit gekürzt oder neu priorisiert. Fördermittel werden knapper, während die globalen Herausforderungen eher größer als kleiner werden.
Dadurch gewinnen andere Formen der Unterstützung noch mehr an Bedeutung: private Spenden, Unternehmenspartnerschaften, ehrenamtliches Engagement und Initiativen aus der Zivilgesellschaft. Doch bevor Menschen ein Projekt wie Audiopedia unterstützen können, müssen sie zunächst davon erfahren. Reichweite ist deshalb kein Selbstzweck. Sie ist oft eine Voraussetzung dafür, dass gute Ideen überhaupt wachsen können.
Was das mit Kartenretter zu tun hat
Unsere Kartenretter-Initiative ist ein gutes Beispiel dafür.
Die Idee dahinter ist einfach: Ausrangierte microSD-Karten werden gesammelt, sicher gelöscht und anschließend mit Audiopedia-Inhalten bespielt. Unsere Partnerorganisationen verteilen sie dann an Frauen, die keinen verlässlichen Internetzugang haben. Die Technologie dahinter ist weder spektakulär noch besonders neu. Und vielleicht liegt genau darin ihre Stärke: Während vielerorts über immer komplexere digitale Lösungen diskutiert wird, zeigt unsere tägliche Arbeit nämlich immer wieder, dass oft genug die bereits vorhandene Technik völlig ausreicht, um Menschen Zugang zu lebenswichtigem Wissen zu ermöglichen.
Doch damit solche Lösungen wirken können, müssen Menschen zunächst von ihnen erfahren, sie gut finden und dann vielleicht auch unterstützen.
Der eigentliche Wert eines Fernsehbeitrags
Natürlich haben wir uns über den Beitrag im ZDF riesig gefreut. Aber nicht wegen der Fernsehkameras. Nicht wegen der Reichweite an sich. Sondern weil jede Person, die von Kartenretter erfährt, möglicherweise dazu beiträgt, die Idee weiterzutragen. Vielleicht durch eine gespendete Speicherkarte. Vielleicht durch einen Hinweis an Freunde. Vielleicht durch die Unterstützung eines Unternehmens oder einer Organisation.
Die eigentliche Geschichte ist deshalb nicht, dass wir im Fernsehen waren. Die eigentliche Geschichte ist, dass Sichtbarkeit dabei helfen kann, Lösungen zu verbreiten, die sonst möglicherweise unentdeckt geblieben wären.
Reichweite allein verändert noch nichts. Aber manchmal ist sie doch der erste Schritt, damit Veränderung überhaupt möglich wird.
Hier ist der TV-Beitrag: